Die Natur ist gut gemacht … Wer hat diesen Spruch nicht schon einmal verwendet…

Wenn wir die Natur durch ein Makrofotografie-Objektiv betrachten, entdecken wir eine neue Welt, eine Liliputanerwelt, in der für das bloße Auge unsichtbar ein Tier- oder Pflanzenreich zusammenleben. Das Frühjahr ist eine sehr intensive Zeit zum Entdecken dieses Mikrokosmos. Ab Anfang März erwacht die Natur. Ich gehe zum Kalkplateau auf der Suche nach Orchideen, von denen es vielerlei Arten gibt. In dem von mir gewählten Bereich bin ich mir sicher, mindestens die Orchideen zu finden, die gemeinhin an allen Orten der Insel oder des Mittelmeers wachsen, und vielleicht einige lokale endemische Arten.

Denn die Orchidee begeistert alle… Die elegante Blume ist in den letzten Jahren einer der Pfeiler der Blumenhändler geworden. Ihr stolzer Wuchs, ihr gerader Stängel ohne Verzweigungen, ihre lange Blütezeit und ihre natürliche Eleganz begeistern uns. Es gibt nur wenig Wohnungen, in denen man die zu kaufende weiße oder violette Orchidee nicht findet.

 

 

Auf der Höhe hinter der Steilküste gibt es eine ganz besondere, nach der ich gern suche. Ich lege meine Fotoausrüstung am Fuß eines stachligen Ginsterbusches ab und hoffe, seine spitzen Dornen werden meinen wertvollen Rucksack und vor allem seinen Inhalt verteidigen.

Ohne dieses Gewicht laufe ich auf den Wegen durch die Macchia und schärfe meinen Blick auf der Suche nach dem seltenen Standort, an dem ich die Schöne finden kann, während ich den berauschenden Duft rund um mich atme.

Die von mir gesuchte Schöne ist sehr unauffällig, ich würde sogar sagen bescheiden. Die schönsten Exemplare der Orchideen sind meist klein und haben sich erstaunlich gut an ihre Umgebung angepasst. Die meisten haben bläulich-rote oder purpurne Blüten. Die Orchidee, die ich suche, ist überwiegend gelb-grün. Sie heißt Ophrys corsica und blüht zwischen Mitte März und Ende Mai. Mitten in einer Gruppe aus Astragalen und niedrigen Zistrosen entdecke ich endlich meine Lieblingsblume, die ihre Schönheit zeigt, und neben ihr einige Verwandte der marmorierten Art. Ich befreie den Dorngister von seiner Überwachungsaufgabe und stelle gleich daneben mein Material mit einem 100 mm-Objektiv auf.

 

 

Dann beginnt für mich eine echte Übung in Geduld. Den Aufnahmewinkel nach der Blüte und dem Licht einstellen, den entscheidenden Moment zum Abdrücken abwarten, wenn der Wind die Blüte nicht mehr heimlich bewegt, den Kollimator auf die gewünschten Teile einstellen… und da kommt das Entdecken der feinen Details der Makrophotographie zum Tragen. Auf den perfekt symmetrischen kleinen flauschigen Härchen der Ophrys marmorata findet ein Hautflügler einen erstklassigen Landeplatz und bringt die Linse meines Objektivs zum Staunen. Mit entfalteten Flügeln bestäubt er die Blüte und trägt, ohne es zu wissen, dazu bei, dass dieses Blütenwunder jedes Jahr wieder erscheint. Als er sich niederlässt, stellt er sich vor, das ideale Weibchen für einen dreisten erotischen Augenblick gefunden zu haben, um seine ungestümen Frühlingsgefühle zu befriedigen.

Ich amüsiere und freue mich, und denke mir, dass die Natur wirklich gut gemacht ist…

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Bonifacio, Corsica